Die Jurchen Das Volk der Jurchen stammt ursprünglich aus den Wäldern Nordostchinas, wo es zum Überleben vor allem auf die Jagd und den Fischfang angewiesen war. Die Jagd war für das Volk der Jurchen kulturell bedeutsam, und von allen Jurchen wurde erwartet, dass sie an Gruppenjagden teilnahmen. Auch archäologische Funde zementieren diese Tatsache: In ausgegrabenen Jurchen-Gräbern befinden sich deutlich mehr Jagd- und Fischereigeräte als in landwirtschaftlichen Gräbern. Die Jurchen kamen unter der Führung von Wanyan Aguda im Jahr 1115 n. Chr. an die Macht. Ursprünglich von der Liao-Dynastie der benachbarten Kitan unterworfen, spornte Wanyan sein Volk zur Rebellion an und stürzte die Kitan schließlich in einer Reihe von Militäroffensiven. Die Jurchen fanden Verbündete in den Song, welche die Liao ebenfalls loswerden wollten, bevor sie schließlich auch sie verrieten, um die Jin-Dynastie zu gründen. Die Zerschlagung der Kitan im Jahr 1125 n. Chr. zementierte die Vorherrschaft der Jin über die nördlichen Steppen, aber Wanyan Aguda starb im selben Jahr. Sein Bruder Wanyan Sheng übernahm die Führung. Er setzte die Einfälle der Jin nach Süden fort und drang weiter in das Gebiet der Song vor. Aus militärischer Sicht wussten die Jurchen aus ihrem vorherigen Bündnis, dass die Song-Armeen reif für eine Eroberung waren. Ihre geographische Herkunft als nördlicher Steppenstamm bedeutete, dass sie überlegene Pferde hatten, und fast die gesamte Jurchen-Armee bestand aus Kavallerieeinheiten. Die Angriffe der Jurchen-Kavallerie, die in erster Linie als berittene Bogenschützen kämpften, vernichteten die Armeen des Südens und ermöglichten es ihnen, die Kontrolle über Südchina bis zum Huai-Fluss zu erlangen. Während Pfeil und Bogen ihre bevorzugten Waffen waren, setzten sie auch berittene Speer- und Schwertkämpfer effektiv ein. Eine ihrer berühmtesten Truppen waren die eisernen Pagoden – gewaltige schwer gepanzerte Kavallerieeinheiten, die in engen Formationen mit Dao-Schwertern oder Speeren kämpften. Die Jurchen setzten in Schlachten bekanntermaßen Schießpulver mit verheerender Wirkung ein. Nachdem die Song-Armeen bei ihrem Angriff auf Kaifeng im Jahr 1126 n. Chr. Schießpulverbomben und Schießpulverpfeile gegen die Jurchen verwendet hatten, stellten diese schnell ihre eigenen Sprengsätze her. Sie kehrten nach Kaifeng zurück und setzten sich mit Schießpulverbomben, Feuerlanzen und Feuerpfeilen gegen die Song durch – in einer der ersten Schlachten der Weltgeschichte, in der auf beiden Seiten Schießpulverwaffen genutzt wurden. Schließlich entwickelten sie eine Waffe namens Donnerschlagbombe, die sie bei der Belagerung von Kaifeng im Jahr 1232 n. Chr. gegen mongolische Invasoren einsetzten. Die Jurchen hielten die Jin-Dynastie fast 80 Jahre lang erfolgreich ohne Querelen aufrecht – bis die Mongolen kamen. Nach der erfolgreichen Vereinigung unter Dschingis Khan im Jahr 1206 n. Chr. wendeten sich die Mongolen ihrerseits dem Süden zu und griffen 1209 n. Chr. die Jin an. Wie bei der Song- und Liao-Dynastie zuvor hatte die lange Herrschaft der Jurchen dazu geführt, dass sie ihre Armeen vernachlässigt hatten, was sie in eine gefährliche Lage brachte. Die Mongolen zerstörten 1215 n. Chr. die nördliche Jurchen-Metropole Zhongdu (das heutige Beijing) und zwangen die Jin zur Flucht in ihre südliche Metropole Kaifeng, die tief im ursprünglichen Song-Territorium lag. Die Song, die in den Mongolen einen mächtigen Verbündeten gegen den gemeinsamen Rivalen sahen, schlossen sich diesen an. Ihre Streitkräfte besiegten 1235 n. Chr. zusammen die Jurchen und stürzten die Jin-Dynastie.